Mittwoch, 22. Mai 2013

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Dass der Tod zum Leben dazu gehört, ist eine Tatsache. Früher oder später wird jeder von uns mit dieser Erkenntnis konfrontiert - in welcher Form auch immer. Doch so sehr wir uns auch darüber bewußt sein mögen, dass wir uns alle irgendwann mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, so unfassbar ist es immer wieder, wenn ein Kind stirbt. Was soll man einer Mutter sagen, deren Kind kurz vor seinem 6. Geburtstag an Krebs stirbt? Tut uns leid, das gehört zum Leben dazu? Was bitte soll das für ein Leben gewesen sein, dass gerade mal fünf Jahre lang gedauert hat und zu einem nicht unwesentlichen Teil vom Kampf gegen die Krankheit bestimmt war? Was wird aus dem Leben der Eltern, die alles dafür getan haben, um ihrem Kind zu helfen und am Ende mit einem solchen Verlust dastehen? Kinder dürfen nicht vor ihren Eltern sterben!

Von Friedrich Nietzsche stammen die Worte: Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. Ich kann nur sagen, dass die Bäche wohl eher reißende Flüsse sind und es eine schlechte Zeit für Regenbögen ist.

Gestern ist der Sohn einer Mutter gestorben, die ich in der Klinik kennengelernt habe. Sie als gute Freundin zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas zuviel gesagt. Dennoch fühle ich mich ihr sehr nahe und bin unglaublich traurig und kann einfach nicht fassen, dass ihr Sohn tatsächlich tot ist - obwohl ich mich durch Lenas eigene Krebserkrankung nun seit fast anderthalb Jahren praktisch täglich mit diesem Thema auseinandersetze. Es gab anfangs so viel Hoffnung. Wie kann man es schaffen, diese Hoffnung nicht zu verlieren, wenn sie immer wieder so bitter enttäuscht wird? Der Tod von Kindern, die man selbst kennengelernt und deren Kampf man miterlebt hat, wirft einen einfach aus der Bahn. Selten fand ich den in der Überschrift erwähnten Buchtitel von John Greene so passend.

Und trotzdem muss es weitergehen. Man muss seinen Mut zusammenkratzen und die verlorene Hoffnung wieder einfangen. Niemals darf man denken, dass das eigene Kind vielleicht das nächste ist, das es trifft. Das zu schaffen, ist wirklich schwer - auch wenn sich das Außenstehende vielleicht nur schwer vorstellen mögen. Sobald die Umstände von außen betrachtet positiv sind, neigen die meisten Menschen dazu, jede Menge Optimismus zu verbreiten und sind häufig ziemlich verunsichert, wenn man als Betroffener diese Euphorie nicht so recht zu teilen vermag. Das ist keine böse Absicht, das ist kein Pessimismus, sondern das ist völlig normal. Die Momente, in denen man wirklich Zeit zum Nachdenken hat, führen automatisch dazu, dass man ZUVIEL nachdenkt. 

Ich bin mir relativ sicher, dass es nur wenige Mütter und Väter eines krebskranken Kindes gibt, die nicht in praktisch jeder freien Minute über das Worst Case Szenario nachdenken. Das ist auf Dauer unglaublich zermürbend und lässt sich nur durch Vollzeitbeschäftigung vermeiden. Dazu gehört übrigens auch die Pflege des Kindes. So absurd es klingen mag, aber solange man Tag und Nacht damit beschäftigt ist, ein totkrankes Kind durch die Torturen der Krebstherapie zu begleiten, hat man kaum Zeit dazu, ständig darüber nachzudenken, was als nächstes passieren wird. Einen solchen "Job" macht man entweder ganz oder gar nicht. Aber wehe, das Gröbste ist erst einmal vorbei. Dann lauert die Gefahr der Erkenntnis dessen, womit man es gerade zu tun hat, hinter jeder Ecke. Und deshalb muss man sich beschäftigen, womit auch immer. Ich habe mich aktuell aufs Aufräumen verlegt. Ich räume und organisiere und archiviere, bis alles total ordentlich ist. Dank dreier Kinder und einem Hund kann ich damit zum Glück jeden Tag immer wieder von vorne beginnen. Abends schwenke ich mir einen schönen Wein ein und treffe mich mit Freundinnen. Letztes Wochenende habe ich mich freiwillig in eine Art Sportbootcamp begeben. Samstags eine Stunde joggen, Sonntag und Montag 6 Kilometer stramm bergauf auf einem Mountainbike. Das waren glückliche und total romantische Momente mit meinem Mann, die mich mal für ein paar Stunden abgelenkt haben. 

Die Ablenkung ist das Wichtigste - und ich kann nur hoffen, dass Tanja, die gestern ihr Kind verloren hat, irgendwann etwas finden wird, das sie zumindest temporär von dem Schmerz ablenkt, den sie vermutlich für den Rest ihres Lebens empfinden wird. Bitte denkt an sie, an ihren Mann und ihren Sohn und schließt sie in Eure guten Gedanken ein!

Der Tod gehört zum Leben dazu -was für ein Scheiß!!!











Mittwoch, 15. Mai 2013

Inseln der Glückseligkeit

Als ich heute morgen beim Verzehr meines Detox-Saftes eigentlich endlich mal einen längeren Blick in mein kürzlich erstandenes Buch The Happiness Project werfen wollte, wurde mir klar, dass ich eigentlich ein lebender Widerspruch bin. Ich wäre so gerne happy, aber erlaube mir zum Frühstück statt eines schönen Käsebrotes nur einen Selleriesaft? Wie bescheuert ist das denn bitte? Ist ein Leben ohne Kohlenhydrate wirklich schön? Macht es einen glücklich, auf Nudeln, Reis und Pasta, auf Brot und Kuchen und lauter andere herrliche Sachen zu verzichten? Diese Frage habe ich mir schon des Öfteren gestellt und kann sie mittlerweile folgendermaßen beantworten:  Ja - aber leider nur drei Tage lang. Danach geht es bergab mit der guten Laune, die sich anfänglich noch einstellt, wenn der Hosenbund nicht mehr ganz so arg kneift.

Nachdem ich mich auf den Fotos von Lenas Konfirmation vor einer Woche ausgiebig von vorne, hinten und auch von der Seite bewundern konnte, war ich erstmal hoch motiviert, mich einem Ernährungsdiktat in Hollywood-Manier zu unterwerfen, aber wie so viele andere Dinge in meinem Leben ist auch dieses Projekt an meiner mangelnden Disziplin und Leidensfähigkeit gescheitert. Wenn ich nur an meine Yoga-Krähe denke... Autsch!!! Auch meine anfängliche Begeisterung für die Sport-App Runtastic hat stark nachgelassen. Laufen ist so anstrengend... Und wenn es danach noch nicht mal was vernünftiges zu essen gibt, macht das Ganze einfach keinen Spaß. Ich bin nämlich allem Krankheitsstress zum Trotz ein Mitglied der spaßorientierten Gesellschaft. Wenn schon so viel Trauriges und Schwieriges einen Großteil des Alltags dominiert, dann will ich mich in meiner spärlich bemessenen "Frei"-Zeit wenigstens ein bisschen amüsieren. Dazu gehören gutes Essen und guter Wein und Qualitytime mit Freunden. Hin und wieder rauche ich sogar heimlich eine Zigarette, aber da das eben total heimlich geschieht, gehört es hier eigentlich gar nicht hin...

Was einen ausfüllt und zufrieden macht, ist natürlich eine komplett subjektive Angelegenheit. Der eine ist total happy, wenn er jeden Tag zehn Kilometer joggen und danach ein Dinkelmüsli (Achtung: Kohlenhydrate!!!) essen kann, der andere erlebt nur bei Currywurst mit Doppelschaschlik die absolute Glückseligkeit. Manche Frauen lieben Handtaschen, andere Schuhe, manche - so wie ich - leider auch beides. Der eine liebt Opern, der andere das Theater, der eine liest nur Schopenhauer, der andere Krimis. Das sind alles Dinge, mit denen man sich den Alltag schöner gestalten kann. Aber wie wird man wirklich, richtig und echt glücklich? Ich stelle mir diese Frage praktisch jeden Tag. Bin ich tatsächlich glücklicher, wenn ich drei Kilo weniger wiege? Wahrscheinlich nicht. Ich fühle mich bestensfalls wohler, aber das ist es dann auch schon. Und natürlich macht es mich glücklich, wenn ich sehe, dass es Lena gut geht und ihre Blutwerte keinen Anlass zur Sorge geben. Aber das ist ein Glücklichsein, das aus der Angst geboren ist und deshalb entspricht es eigentlich eher einem Gefühl der Erleichterung.

Wirklich glücklich bin ich, wenn ich sehe, dass Lena glücklich ist, weil sie wieder ein einigermaßen normales Leben führen kann und ein paar tolle Freundinnen gefunden hat. Denn das ist so wichtig, auch für mich. Gestern Abend kam meine wunderbare Freundin Eva spontan vorbei und es war ein herrlicher Abend, der mich sehr glücklich gemacht hat. Glücklich war ich auch an den letzten beiden Wochenenden, als ich meine BFFs Daphne, Olivia, Arabella und Simone gesehen habe. Insofern kann ich eines schon mal sicher sagen: Mich machen meine Freundschaften glücklich und sie bedeuten mir so viel, dass ich dadurch Schwieriges oft viel besser aushalten kann. Also muss ich mich in Zukunft noch mehr auf die Pflege dieser Freundschaften konzentrieren, was nicht immer ganz leicht ist, wenn man nicht Tür an Tür wohnt und jeder so viele andere Dinge hat, um die er sich auch noch kümmern muss. Aber es steht ganz oben auf meiner Prioritätenliste, die ich jetzt mal anlegen werde.

Was könnte ich noch auf eine solche Liste schreiben?

1. Pflege wichtiger Freundschaften

2. Wiederbelebung und Fortführung dieses Blogs. Vielleicht wird dann eines Tages doch noch ein Buch daraus, denn das - da bin ich mir hundertprozentig sicher - würde mich wirklich glücklich machen.

Selbstverständlich macht es mich glücklich, wenn ich sehe, dass es meinen Kindern gut geht und ich sie dabei beobachten kann, wie sie jeden Tag wachsen und sich weiter entwickeln. Aber das ist irgendwie so klar, dass ich es nicht extra aufschreiben muss. Ein bisschen mehr Geduld meinerseits wäre aber sicher noch eine Verbesserung. Deshalb kommt das als dritter Punkt auf meine Liste:

3. Crashkurs in Sachen Gelassenheit - mir selbst, aber auch meinen Mitmenschen gegenüber. (Die Frage ist nur, wie und wo und ob man so etwas überhaupt lernen kann.)

4. Wichita, Kansas

Mein ganz persönliches, kleines Happiness Project... hoffentlich klappt es!



Montag, 13. Mai 2013

Bin ich nett?

Eines der Dinge, die mich in den letzten Monaten ziemlich beschäftigt und auch betrübt haben, ist meine zunehmende Unfähigkeit, mit meiner Umwelt direkt zu kommunizieren, wenn es um Lena und um mich geht. Ich komme mir vor wie ein Fisch auf dem Trockenen, winde mich, zappele rum und bin froh, wenn ich wieder untertauchen kann - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin gewissermaßen müde geworden, ständig darüber zu reden, wie es Lena geht oder wie ich mich fühle, was wir als nächstes machen oder wie toll es ist, dass wir überhaupt soweit gekommen sind. Ich ziehe mich immer häufiger zurück und bin - von einigen wenigen Ausnahmen mal abgesehen - froh, wenn ich meine Ruhe habe. Das Leben mit der permanenten Angst im Rücken ist so anstrengend, da kann ich mich nicht auch noch um tausend andere Sachen kümmern, ständig Übernachtungsgäste im Haus haben oder den ganzen Tag gute Laune versprühen. Tatsächlich habe ich überwiegend ziemlich schlechte Laune, was von meiner unmittelbaren Umgebung allerdings nur in Maßen toleriert wird und ein weiterer Grund ist, warum ich so gerne alleine bin.

Ehrlich gesagt verstehe ich auch gar nicht, warum ich dauernd gut gelaunt sein soll. Dass ich dankbar dafür bin, dass es Lena wieder besser geht, versteht sich von selbst. Aber muss ich deshalb so tun, als wäre die ganze Sache damit vom Tisch? Das ist sie nämlich nicht - und zwar noch dreieinhalb Jahre lang nicht. Ich wache nach wie vor nachts auf und kann dann vor lauter kruden Gedanken nicht mehr einschlafen. Ich mache mir immer noch bei jeder von Lenas Erkältungen in die Hosen und bin wahnsinnig in Sorge, wenn sie sich schlapp und schwindelig fühlt, wenn ihr schlecht ist oder sie Augenringe hat. So harmlos fing alles letztes Jahr an - das kann ich nicht einfach so wegwischen. Meine Laune ist ein einziger großer Riesenscheißhaufen, der zwischendurch mal ein bisschen kleiner wird und weniger stinkt, bevor er wieder beängstigend anschwillt.

Vor einigen Wochen wurde es so schlimm, dass ich einen Psychologen aufgesucht habe, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit diesem ganzen Mist nicht mehr alleine zurechtkomme. Der Mann hat mir nach einer Sitzung eine Depression diagnostiziert, aber das wusste ich ja irgendwie schon vorher. Obwohl ich dann noch dreimal da war, sind wir über diese bahnbrechende Feststellung nicht hinausgekommen. Allerdings haben wir auch nicht zueinander gepasst. Jetzt muss ich mich nach jemand anderem umschauen, wozu mir aber irgendwie der Antrieb fehlt. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich gegen eine Depression ankämpfe. Mal abgesehen davon, dass all diese Gefühle von Angst, Wut, Unsicherheit und Agression wahrscheinlich total normal sind, habe ich meinen Körper, genauer gesagt, meine Hormone mit in Verdacht. Die scheinen mittlerweile genauso von der Rolle zu sein wie ich. Ein erster zuhause durchgeführter Speicheltest (irgendwie eklig, aber trotzdem oder gerade deshalb ziemlich erhellend) hat das auf jeden Fall eindrucksvoll bestätigt. Natürlich löst das jetzt nicht meine Probleme, aber irgendwie finde ich den Gedanken schöner, dass mein Östrogen und Progesteron verrückt spielen als irgendwann als letzte Möglichkeit Antidepressiva einzuwerfen.

Stattdessen habe ich sowieso das Gefühl, dass mir der Blog doch am meisten helfen könnte. Obwohl ich es, wie oben erwähnt, überhaupt nicht mehr gut aushalten kann, über alles zu SPRECHEN, ist das SCHREIBEN relativ einfach, ja geradezu therapeutisch.
Das Schöne ist, dass ich gleichzeitig alleine und zusammen mit jemandem sein kann. Es spielt keine Rolle, wann ich in Interaktion trete, ob morgens, mittags oder abends. Manchmal schreibe ich und trinke dabei Tee, manchmal steht ein Glas Wein neben mir. Manchmal lackiere ich mir dabei die Fingernägel. Ich kann aufstehen, weggehen und irgendwann wiederkommen und weiterschreiben. Ob ich einen Jogginganzug trage, ein Abendkleid oder in der Nase bohre, spielt keine Rolle. Ich werde nicht beobachtet und muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Naja, auf fast niemanden. Natürlich würde ich hin und wieder gerne mal einen kleinen subjektiven Kommentar über den ein oder anderen meiner Mitmenschen vom Stapel lassen, aber davon muss ich um des lieben (Familien)-Friedens willen leider absehen. Egal. Das Schreiben meines Blogs bedient all die Widersprüchlichkeiten, mit denen ich derzeit zu kämpfen habe. Deshalb werde ich nun hoffentlich wieder öfter genau das tun - in der Hoffnung, damit ein paar meiner inneren Dämonen zu bezwingen und insgesamt wieder ein etwas fröhlicherer und irgendwie auch netterer Mensch zu werden. Wobei ich das letzte ganz ehrlich gar nicht so richtig meine, denn eigentlich bin ich trotz allem ein netter Mensch - es kommt nur auf die Perspektive an.

Dienstag, 7. Mai 2013

Fuck yeah... I am back!


Wenn man in seinem Blog so lange nichts geschrieben hat, fühlt sich das ein bisschen so an wie eine dieser wahnsinnig unangenehmen Situationen, in denen man vergessen hat, sich für irgendein Geschenk, Abendessen, Blumenstrauß oder etwas in der Art zu bedanken. Eine Woche Verspätung geht noch, zwei irgendwie auch. Ab drei Wochen aufwärts wird es langsam peinlich - und irgendwann meldet man sich gar nicht mehr, weil man sich so schämt. Hört sich ja auch ziemlich blöd an: "Hey, sorry, ich hab's einfach vergessen, obwohl ich mich total gefreut habe... Du weißt ja, wie das ist... Also vielen lieben Dank für das tolle Buch, das Du mir vor vier Jahren geschickt hast!" 
Aber es hilft alles nichts - wenn man jemals noch mal von dieser Person beschenkt werden möchte, kommt man um eine vernünftige und plausible Erklärung nicht herum. 

Insofern würde ich an dieser Stelle kurz entschuldigend erläutern, dass mir in den letzten Wochen und Monaten einfach nicht so nach Schreiben war. Lena geht es gut - zur Zeit besteht zum Glück kein Grund zur Sorge, was ihren aktuellen Zustand betrifft. Das ist wunderbar und hat sogar dazu geführt, dass das Kind am vergangenen Sonntag bei srahlendem Sonnenschein konfirmiert wurde. Aber die dazugehörige Mutter zeigt leichte Anzeichen einer depressiven Erschöpfung und muss sich ständig selbst in den Allerwertesten treten, um die nötigsten Dinge zu erledigen und nicht in völliger Lethargie und Pessimismus zu versinken. Alles scheinbar ganz normal, aber trotzdem doof. 

Trotzdem habe ich mir fest vorgenommmen, jetzt mal wieder öfter meine Meinung zu allem Möglichen kund zu tun und Euch an meinem und unserem "Frenzy Life" teilhaben zu lassen...





In Kürze mehr in diesem Theater - versprochen!









Freitag, 22. Februar 2013

Sinnfragen

Es ist schön irgendwie blöd, dass man als Privatblogger nichts hat, was auch nur annähernd einem Redaktionsschluss gleichkäme. Ich gehöre definitiv zu den Menschen, die ohne Druck nicht wirklich gut arbeiten können. Die Redensart "Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen" ist für mich ein komplettes Fremdwort bzw. Neuland, das ich bislang nur selten betreten habe. Eigentlich wollte ich zum Beispiel letzte Woche Donnerstag auf jeden Fall etwas schreiben, denn schließlich war der 14. Februar 2012 der Tag von Lenas Diagnosestellung - und zum "Einjährigen" hätte ich ja durchaus ein paar Worte verlieren können. 
Aber dann erschoss Oscar Pistorius seine hübsche Freundin und ich war abgelenkt, was im Prinzip ja erstmal ganz gut ist. Denn mit seinen Gedanken ständig nur um die Erkrankung zu kreisen, ist auf Dauer auch nicht sehr erquicklich. Immerhin habe ich es zumindest geschafft, auf Facebook zu veröffentlichen, dass es Lena soweit gut geht und es zur Zeit weder große noch kleine Zipperlein gibt, die sie beeinträchtigen. Die Therapie verläuft ungewöhnlich komplikationslos und Lena geht seit mittlerweile drei Wochen regelmäßig in die Schule. Sie hat sogar schon die erste Klausur hinter sich und eine "2" mit nach Hause gebracht, was die Schlagzahl meines stolzen Mutterherzes angenehm erhöht hat. Das Leben verläuft nach unserem ja doch eher turbulenten Jahresauftakt nun in deutlich ruhigeren Bahnen, was sehr schön ist, woran ich mich aber auch erstmal wieder gewöhnen muss. Es ist ein wenig so, als hätte ich eine Art "Urmisstrauen" entwickelt, das dafür sorgt, dass ich hinter jeder Ecke eine Gefahr oder Falle lauern sehe. Irgendwie traue ich dem Braten nicht so recht, aber das ist vermutlich mehr als normal. 
Zum Glück lassen mich nach der großen Kraftanstrengung der letzten 12 Monate nun nach und nach mein Körper und Geist im Stich, so dass ich mich im Wesentlichen meinen eigenen Unzulänglichkeiten widmen kann und mein besorgtes Gluckendasein etwas ruhen lassen muss. Von Kopf bis Fuss zwickt und zwackt es mich - ich bin eine wahre Großbaustelle, weiß aber nicht so recht, wo ich anfangen soll. Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei? Der völlig verkorkste Rücken oder die Magenprobleme? Die physischen oder die psychischen Probleme? Es gibt einiges, worum ich mich kümmern muss, aber irgendwie komme ich auch auf diesem Gebiet nicht so richtig in die Puschen. Und von der Yoga-Krähe (siehe Blogeintrag http://frenzy-girl.blogspot.de/2012/11/yo-yoga.html) bin ich weiter entfernt denn je...
Wenn ich mir so anschaue, mit welcher Regelmäßigkeit und mit welchem Fleiß andere Leute so bloggen, frage ich mich manchmal, wozu ich das hier eigentlich mache. Nachdem wir uns nun nicht mehr unmittelbar im Auge des Orkans befinden, gehen mir zwar nicht die Themen aus, aber sie verändern sich. Macht es Sinn, dass ich schreibe, welche Bücher ich gerade lese oder welchen Film ich gut fand? Ist es nicht eher peinlich, dass ich mich so exponiere? Interessiert das überhaupt irgendjemanden? Sicherlich muss ich nicht extra betonen, dass ich mich vor nichts mehr fürchte als einem möglichen Rückfall Lenas. Dass im Moment alles relativ ruhig ist, bedeutet aber gleichzeitig auch, dass ich zu diesem Thema nur wenig bis gar nichts sagen kann bzw. möchte. Dass ich Angst habe und es mir oft nicht gut geht, muss ich auch nicht wieder und wieder schreiben. Was also mache ich mit "Frenzy Girl"? Einen Schuh- und Handtaschenblog? Eine Psychocouch? Einen "Desperate Housewife"-Blog? Ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos. Wer eine Idee hat, möge sie mir bitte mitteilen - ich bin für Vorschläge und Anregungen mehr als dankbar.

Donnerstag, 7. Februar 2013

HO(spital) HO(pping)

Soviel zum Thema "Dem Blog neues Leben einhauchen" (siehe Blogeintrag vom 4. Januar)...

Was Leukämie, Intensivchemotherapie und mittlerweile fast 12 Monate mehr oder weniger durchgängiger Aufenthalt in der Klinik, kombiniert mit ständigen Rückschlägen wie Lungenaspergillosen und Gürtelrose nicht geschafft haben, ist nun ein paar einsamen Umzugskartons, Leonards Windpocken und einer Klinikeinlieferung von Lenas Vater gelungen - nämlich, mich zum Schweigen zu bringen. 
Ein bisschen Schuld tragen übrigens auch Bettina Wulff und ihr unsägliches Buch, das ich während unseres letzten Krankenhausaufenthaltes Anfang Januar aus lauter Verzweiflung und dem Wunsch, mitreden zu können, tatsächlich gelesen habe. Soviel Schrott macht erstmal sprachlos, soviel steht fest, aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich mich davon nicht relativ schnell wieder erholt hätte. 
Doch kaum hatte ich die Sprache wiedergefunden, präsentierte mir Leonard trotz einer 1a-Impfung beim Kinderarzt eine beeindruckende Ansammlung von Varizellen, im Volksmund auch Windpocken genannt - ein großer Spaß für die ganze Familie! Leider fanden Lenas Ärzte das Ganze nicht so lustig und ordneten eine sofortige räumliche Trennung aller Kinder an. Nichts leichter als das... Zum Glück haben wir ja noch unser altes Zuhause in Frankfurt. Und gegen zwei Umzüge in vier Wochen kann nun wirklich niemand etwas sagen. 
Nach anderthalb Wochen befanden sich Leos Windpocken glücklicherweise wieder auf dem Rückmarsch und auch sonst schien alles ruhig, weshalb Ralf und ich vergangenes Wochenende nach Berlin reisten, wo wir vier Tage lang Gastgeber auf einer Veranstaltung für etwa 180 Gäste waren. Eigentlich hätte uns das Beschäftigung genug sein können, aber da hatten wir die Rechnung leider ohne den (Katastrophen)Wirt gemacht. Unser Leichtsinn wurde prompt bestraft - und zwar in Form einer ernsthaften Erkrankung Philipps (Lenas Papa), der das Wochenende statt bei uns zunächst im Operationssaal des städtischen Klinikums Frankfurt-Höchst verbrachte und seitdem von dort einen imposanten Blick auf die Frankfurter Skyline genießt. Dementsprechend verbringen Lena und ich diese Woche mit einer neuen Trendsportart - dem Hospital-Hopping. Mittags in die Uniklinik zur Chemotherapie, danach ins Krankenhaus Höchst. Das einzig positive daran ist die Erkenntnis, dass das Essen dort auch nicht besser ist als bei uns auf der Station...
Was soll man also dazu sagen? Am besten gar nichts! Wäre unser Leben Gegenstand eines Drehbuches, wäre der verantwortliche Autor zweifelsohne längst wegen völliger Unglaubwürdigkeit gefeuert worden. Weniger ist bekanntlich mehr - warum hat sich das noch nicht bis in unsere Schicksalszentrale herumgesprochen? Man kann das Unglück viel besser genießen und auskosten, wenn es ein wenig für sich steht und nicht in so geballter Form daherkommt.
Zum Glück hat mir meine liebe Freundin Eva gestern eine Hamsa geschenkt, die zukünftig bitte alles Böse von uns fernhalten möge.


Aus diesem Grund habe ich auch beschlossen, endlich mal wieder etwas in verbaler Form von mir zu geben - zum einen als kleine Inhaltsangabe einer der Kurzgeschichten, die unser Leben schreibt, zum anderen als ganz klare Kampfansage an alle kleinen, mittleren und großen Katastrophen, die vielleicht schon wieder unterwegs nach Falkenstein sind. Ihr könnt umdrehen, Leute! Hier hängt jetzt die Hand Gottes und sorgt dafür, dass Ihr bei uns keinen Blumenpott mehr gewinnen könnt. Adios amigos, au revoir, adio per sempre! Ihr könnt uns mal!

In diesem Sinne - Kölle alaaf...

Freitag, 4. Januar 2013

Neues Jahr, neues (Klinik-) Glück

Fast einen Monat ist es her, seit ich das letzte Mal etwas geschrieben habe - Umzug, Weihnachten und Silvester sei Dank. Alle drei sind im Großen und Ganzen zufriedenstellend verlaufen, weshalb sich der liebe Herrgott vermutlich gedacht hat, dass es an der Zeit sei, uns ein kleines Zeichen zu schicken, damit wir nicht vor lauter Zufriedenheit abheben.
Das kleine Zeichen kam pünktlich zum Jahresbeginn am 1. Januar in Form eines absonderlichen Hautausschlags an Lenas rechtem Arm daher und ist seitdem jeden Tag etwas größer geworden. Mittlerweile kann man eigentlich auch nicht mehr von einem Zeichen sprechen, sondern eher von einem ganzen Schilderwald, auf denen überall "Achtung! Gürtelrose!" geschrieben steht. Da damit bei immungeschwächten Personen bekanntermaßen nicht zu spaßen (immerhin, reimt sich) ist, sind wir seit heute wieder stationär aufgenommen und fachgerecht eingeschleust. Jetzt gilt es, der Infektion Einhalt zu gebieten und sie daran zu hindern, sich weiter auszubreiten oder gar Lenas Gehirn zu befallen. Zu diesem Zweck erhält sie voraussichtlich eine Woche lang viermal täglich intravenöse Aciclovir-Gaben, die leider über eine Braunüle verabreicht werden müssen, da ihr ja am 17. Dezember erfolgreich der Hickmann-Katheter explantiert wurde. 
Irgendwie ist das exemplarisch für das Dilemma, in dem wir uns nun befinden und was mich oft sehr traurig stimmt. Wie schaffen wir es, in den nächsten Jahren ein Leben zu führen, was nicht hauptsächlich von Angst und Sorge bestimmt ist? Kaum, dass man sich mal etwas entspannt, weil die ständigen Klinikaufenthalte, die täglichen Injektionen und Blutbildkontrollen etwas weniger werden, bekommt man das nächste Problem vor den Bug geknallt. Ich habe es ja gleich gesagt, wir sind die Costa Concordia (siehe Blogeintrag "Havarie"). Der olle Kahn liegt auch immer noch vor Giglio auf der Seite und rostet vor sich hin. 


Statt Dinnerparty in der neuen Küche sehen wir uns nun also  ein weiteres Mal mit Salamibergen und Gelbwurst mit Milky Way konfrontiert - doch ich will nicht meckern. Wenn ich es schaffe, meiner depressiven Stimmung Einhalt zu gebieten, freue ich mich darüber, dass wir immerhin ein Einzelzimmer ergattert haben.
Außerdem komme ich so vielleicht endlich mal wieder dazu, meinem Blog etwas Leben einzuhauchen. Dass ich scheinbar nur etwas zu sagen habe, wenn es meinem Kind schlecht geht, sollte mir allerdings zu denken geben.