Mittwoch, 7. August 2013

Frenzy Girl goes USA

Hier bin ich nun also - in Wichita (Kansas), dem Air Capital of the World. Den ganzen Tag sausen coole, kleine Turboprobs und Learjets über meinen Kopf hinweg, während ich mich den Dingen widme, die man nur erledigen kann, wenn man mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. 

Da wären zum Beispiel Ausflüge zu Victoria's Secret und The Gap, zu Barnes and Noble und Walgreens. Bei letzterem handelt es sich um meine absolute Lieblings-Pharmacy, in der ich praktisch ganze Tage verbringen könnte. Es gibt alles, wirklich ALLES!!! Und das, was man dort dann doch nicht bekommt, findet man bei Hobby Lobby, einem Wallfahrtsort für alle Handarbeits- und Dekorationswütigen, an dem ich gestern die bislang größte Plastik-Weihnachtsbaum-Ausstellung besucht habe, die ich je gesehen habe (nicht, dass ich vorher schon mal in die Verlegenheit gekommen wäre, aber man weiß ja nie, was noch alles kommt - diese Lektion des Lebens habe ich mittlerweile wirklich verinnerlicht). Dann wäre da noch der absolut einzigartige Baumarkt The Home Depot, in dem man neben unglaublichen XXL-Grills und wunderschönen Rasenmähertraktoren Waschmaschinen und Kühlschränke von der Größe Oklahomas besichtigen kann - ein Traum! In meinem goldenen VW Jetta düse ich von einer Besichtigungsstätte zur nächsten, was den Schluss nahelegt, dass es mit dem geplanten Schreiben von morgens früh bis abends spät bisher noch nicht so richtig geklappt hat. 

Der Grund dafür ist relativ einfach: Ich fühle mich befreit wie lange nicht und habe gar keine Lust, mich ständig mit dem Scheißthema Krebs auseinanderzusetzen. Dies ist tatsächlich das erste Mal seit anderthalb Jahren, dass ich zumindest örtlich gesehen unglaublich weit weg bin von allem. Die Trennung von Lena fällt mir zum Glück auch nicht ganz so schwer, wie ich befürchtet habe. Ich vertraue darauf, dass alles gut läuft in meiner Abwesenheit. Woher ich dieses Vertrauen nehme, ist mir zwar nicht ganz klar, aber irgendwo hat es vielleicht die ganze Zeit in mir geschlummert und ist jetzt netterweise endlich mal aufgestanden, um für die nächsten Tage zu übernehmen. Anders ließe sich vieles auch einfach nicht aushalten. Bei unserer Landung in Chicago erhielt ich von meiner Freundin Anna die Nachricht, dass ihr kleiner Sohn, mit dem wir in der Klinik für längere Zeit ein Zimmer geteilt und den wir wirklich liebgewonnen haben, am Sonntag gestorben ist. Das war ein unglaublicher Schock und im ersten Moment war das Gefühl überwältigend, sofort wieder zurück nach Hause fliegen zu wollen. Schon in den Tagen davor hatten wir schlechte Neuigkeiten von der kleinen Leni erfahren, mit der wir ebenfalls lange gemeinsam im Zimmer waren und die mittlerweile einen weiteren Rückfall erlitten hat und vor ihrer dritten Transplantation steht. Eigentlich möchte man den ganzen Tag nur zuhause sitzen und heulen, aber das geht ja irgendwie auch nicht. 

Also Augen zu und auf nach Kansas - und erstaunlicherweise entpuppt sich diese Reise als wahre Erholungstherapie. Ich verfolge zwar alle Neuigkeiten aus der Heimat und versuche an mancher Stelle auch zu helfen, aber trotzdem bin ich gleichzeitig auf eine angenehme Art und Weise entspannt und spüre die Angst zur Zeit nicht mehr so stark wie zuhause. Und das, obwohl ich ohne meine Tabletten unterwegs bin. Anfang Juni bin ich mehr oder weniger zusammengeklappt unter all der Angst und Sorge, so dass ich mich nach langen Ressentiments gegenüber medikamentöser Hilfe am Ende doch dafür entschieden habe. Und auch wenn ich ganz sicher keine Werbung für Psychopharmaka machen möchte, kann ich nur sagen, dass mir die kleinen Pillen wirklich sehr geholfen haben. Mein Wunsch war es, nicht länger das Gefühl zu haben, ich müsse ersticken unter der Last der Krankheit und der unglaublichen Angst um mein Kind, gepaart mit der Trauer um diejenigen, die es nicht geschafft haben. So etwas hält man auf Dauer einfach nicht durch, jedenfalls ich nicht. Und es ist ja nicht so, als würde sich die Situation nicht auch auf alle anderen Lebensbereiche ausdehnen. Alles leidet, die Geschwister, die Ehe, die sozialen Bindungen und viele Freundschaften. Wenn es also etwas gibt, das gewissermaßen den Druck im Kessel reduziert, zumindest ein bisschen, dann bin ich froh darum und dankbar dafür. Natürlich ist die ganze Sache nicht frei von Nebenwirkungen, aber die habe ich verglichen mit all dem Psychstress zuvor gerne in Kauf genommen. 

Am vergangenen Sonntag allerdings ließ mich zuerst mein Wecker und dann mein Augenlicht im Stich. Obwohl mein Pillendöschen absolut unübersehbar direkt neben meinem Telefon lag, versäumte ich, es in der Aufbruchshektik zum Flughafen einzupacken. Erst als ich im Flieger saß, dämmerte mir, dass ich das, was mir im Moment die größte Hilfe beim Durchhalten zu sein schien, zuhause liegen gelassen hatte und dass ich die nächsten zwei Wochen wieder alleine auf mich und meine Psyche gestellt sein würde. Vorsichtshalber warnte ich dementsprechend auch meinen Mann, dass er die kommenden Tage eventuell mit einem schwerst depressiven Wrack würde verbringen müssen und tatsächlich hatte ich nach der Nachricht von dem neuen Todesfall eine kurze Panikattacke, dass ich das alles ohne mein Citalopram nicht gut durchhalten würde. Aber zu meinem großen Erstaunen klappt es im Grunde ganz wunderbar. Der alles etwas dämpfende Umhang der medikamentösen Entspannung, den ich mir in den vergangenen Wochen um die Schultern gelegt habe, ist zuhause hängen geblieben und es geht mir trotzdem gut. Das liegt sicherlich vor allem an der räumlichen Distanz, das ist mir schon klar. Aber es ist trotzdem ein gutes Gefühl, mal für ein paar Tage tiefer durchatmen zu können und sich über Weihnachtsbäume aus Plastik für unglaubliche 600,- Dollar zu amüsieren oder stundenlang die kilometerlangen Bücherregale voller Self-Improvement-Books zu studieren, anstatt den ganzen lieben, langen Tag nur über Tod und Krankheit nachzudenken. Gestern habe ich in dem wunderbaren Buch God never blinks - 50 Lessons for Life's Little Detours einen Satz gefunden, der in etwa so lautet: "Then there are the really bad days when you want to quit chemo and therapy and just give up. Anyone with cancer has known those days. Even folks who have never had cancer have known them." Das ist so wahr, das ich am liebsten gleichzeitig lachen und heulen würde. Irgendwann langt es einfach mal - und dieser Punkt war bei mir nicht nur erreicht, sondern längst überschritten. 

Wie gut tut nun also die Zeit hier, weit weg von allem. Ich bemühe mich, soviel Kraft und Energie wie möglich zu tanken, um mich dann nächste Woche wieder dem Alltag zu stellen. Und das gelingt am besten dann, wenn man versucht, so lange es irgendwie geht auch gedanklich etwas abzuschalten.


In diesem Sinne...

Mittwoch, 31. Juli 2013

All the things she didn't say...

Es ist nicht leicht, einen Blog zu schreiben, wenn man das, was man wirklich gerne schon immer mal loswerden wollte, nicht schreiben kann, weil man damit Leuten, die einem zwar ständig selbst auf die Füße latschen, ebenfalls auf letztere treten würde, was im Grunde natürlich eine große Befriedigung wäre, gleichzeitig aber weitere Auseinandersetzungen nach sich ziehen könnte, auf die man eigentlich für alle Zeiten, aber gerade in solchen wie diesen prinzipiell gerne verzichten würde... 

Alles klar? Wer das jetzt nicht verstanden hat, dem empfehle ich, mein hoffentlich demnächst fertiges Buch zu kaufen. Dort werde ich nicht länger lauter Blätter vor den Mund nehmen, sondern diese stattdessen vollgeschrieben mit allem, was uns in den letzten anderthalb Jahren so widerfahren ist, was uns glücklich, was uns traurig, was uns ängstlich und was uns euphorisch gemacht hat, wer uns wirklich geärgert hat und nachhaltig auf die Nerven gegangen ist, unter das Volk bringen bzw. unter all diejenigen, die es interessiert.



Der letzte Punkt bereitet mir derzeit allerdings noch etwas Sorge. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Buch über die Krebserkrankung meiner wunderbaren Tochter und all die Folgen, die diese nach sich gezogen hat und immer noch zieht, für Außenstehende wirklich interessant sein kann. Andererseits habe ich mir in den letzten Wochen so viele Autobiographien von mir völlig unbekannten Menschen auf meinen Kindle geladen, die von den unterschiedlichsten Problemen handeln, sei es Drogen, Alkohol, Scheidung, Tod, Krankheit, whatever... you name it, they’ve got it. Und obwohl der Schreibstil bisweilen nicht immer mein Fall ist und ich manche Dinge wirklich nur schwer nachvollziehen kann, ist es trotzdem so, dass ich gar nicht mehr aufhören kann, das alles zu lesen. Vielleicht liegt es daran, das ich mich nach der Lektüre zurücklehnen und das wohlige Gefühl genießen kann, dass Scheidung sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch zum Glück nicht auch noch zu meinen Problemen gehören, zumindest bis jetzt nicht. Vielleicht ist es aber auch die versteckte Hoffnung, die in jedem dieser Einzelschicksale steckt: Man kann so vieles schaffen, auch wenn es zunächst einmal völlig aussichtslos wirkt. Und selbst, wenn das Ende nicht immer „happy“ ist, ist jede Extremerfahrung, die man macht, nicht nur eine Lehrstunde für das Leben, sondern ein ganzes Studium, inklusive Vordiplom und Summa-cum-laude-Examen. Das Buch dazu ist die Doktorabeit, garantiert frei von jeglichem Plagiatsvorwurf.



Zur Zeit stecken wir wieder mitten in einer Chemowoche. Wenn alles nach Plan läuft, werde ich danach zum ersten Mal seit der Diagnose im Februar letzten Jahres zehn Tage ohne Lena verreisen. Der Gedanke fällt mir nicht leicht, aber es wird Zeit, wieder ein bisschen mehr Freiheit zu üben – für beide von uns. In der Einöde von Kansas werde ich versuchen, „Frenzy-Girl“ zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, bzw. Material herzustellen, das man dann in einer Druckerpresse weiterverarbeiten kann. Ob es tatsächlich so weit kommt, vermag ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu sagen, aber ich werde auf jeden Fall daran arbeiten.



Bis dahin genieße ich die Zeit alleine mit Lena. Unser Garten nimmt langsam Gestalt an und das Wetter zeigt sich gnädig. Dasselbe wünsche ich mir von den kommenden Monaten, die hoffentlich die letzten sein werden, in denen wir uns nahezu ohne Unterlass mit dem Thema Krankheit und Tod beschäftigen müssen. Wenn alles gut geht, ist im Oktober Schluss mit den monatlichen Chemoblöcken und den täglichen Medikamenten. Zwar wird es dann auch in den nächsten Jahren noch eine engmaschige Überwachung geben, aber je größer die Pausen zwischen den Krankenhausaufenthalten werden, desto besser gelingt es mir und uns dann hoffentlich auch, die permanente Furcht vor einem Rückfall in den Griff zu bekommen und nach und nach wieder in einem normaleren Leben anzukommen.


Darauf einen eisgekühlten Rosé!


Donnerstag, 13. Juni 2013

Und täglich grüßt das Murmeltier

Falkenstein im Taunus mag vielleicht nicht Punxsutawney in Pennsylvania sein, aber ansonsten sind die Parallelen zwischen dem wunderbaren Film "Groundhog Day" mit Bill Murray und meinem Leben leider nicht zu leugnen. Genau wie Murrays Alter Ego Phil Connors hänge ich seit geraumer Zeit in einer Zeitschleife fest. Ich wache jeden Morgen auf und egal, was ich auch tue - irgendwie lande ich am Ende immer mit einem der Kinder beim Arzt oder im Krankenhaus.

Am Dienstag wurde Leonard auf dem Weg von der Schule zurück nach Hause von einem Hund angefallen und ziemlich heftig in den Oberschenkel gebissen. Mal abgesehen von dem großen Schreck und den Schmerzen hat uns dieser Vorfall einen Tollwut-Impfmarathon beschert, der gestern einen ersten Höhepunkt in der Notaufnahme der Uniklinik erreichte. Drei Stunden Wartezeit, gekrönt von sechs Spritzen - da kann man nicht meckern. Leo deklarierte den Tag als "den schlimmsten seines Lebens" und ich fand ihn auch nicht wirklich viel besser. Da sich der Besitzer des Hundes leider nicht sehr kooperativ zeigt und sich bislang nur ermitteln ließ, dass es sich bei dem bissfeudigen Exemplar um ein scheinbar ungeimpftes Mitbringsel aus Spanien handelt, steht zu befürchten, dass Leo diese Prozedur noch weitere fünf Male über sich ergehen lassen muss, denn eine Tollwutimpfung ist eine ziemlich langwierige Angelegenheit. 

All das betrübt mich sehr und verursacht bei mir einen mehr als leichten Anflug von schlechter Laune. Und da zeigt sich, dass mein Leben dann leider doch kein Film ist. Wo nämlich Bill Murray fluchen, schimpfen und die Sau rauslassen kann, als gäbe es kein Morgen (und das gibt es in dem Film ja tatsächlich eine ganze Weile lang nicht), bin ich doch leider etwas eingeschränkter in der Auswahl meiner Verhaltensweisen. Wie gerne hätte ich der unfreundlichen Schabracke in der Notaufnahme mal gesagt, was ich von ihr halte, nachdem sie mich nach drei Stunden Wartezeit mit der Erklärung absnobbte, wir müssten eben warten - es gäbe schlimmere Fälle als einen Hundebiss. Tatsächlich? Wer hätte das gedacht? Manchmal ist es wirklich schwierig, die Fassung zu bewahren. Kürzlich hatte ich eine geradezu epische Auseinandersetzung mit einem Parkwächter vor der Tagesklinik, die fast mit meiner Festnahme geendet hätte. Warum kann man nicht einfach mal so richtig ausflippen, wenn das Leben so oft so scheiße ist? (Naja, vielleicht nicht gleich das ganze Leben, aber zumindest die Umstände...) Statt immer schön höflich und freundlich zu bleiben, würde ich dem Typen mit seinem Hund am liebsten so richtig eine reinhauen, aber das muss ich mir leider für ein andermal aufheben, denn ich will, dass er mit seiner Töle wenigstens zum Tierarzt geht, damit wir wissen, was Sache ist. I am not amused!

Ansonsten kann ich aber berichten, dass alles andere soweit in Ordnung ist. Nächste Woche wartet mal wieder ein Chemoblock auf uns, aber so langsam können wir die verbleibenden Blöcke an zwei Händen abzählen. Wenn alles gut geht, gehören sowohl die intravenösen Chemogaben sowie die Unmengen an täglichen Tabletten im Oktober der Vergangenheit an. Zwar werden wir noch oft und regelmäßig zu Blutkontrollen in die Klinik müssen, aber trotzdem ist eine bedeutende Entspannung im täglichen Leben in greifbare Nähe gerückt. Jetzt muss sich das Schicksal einfach nur noch dazu durchringen, uns mal für eine längere Zeit ausschließlich schöne Brocken hinzuschmeißen. 

Ich für meinen Teil bin bereit!


Mittwoch, 22. Mai 2013

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Dass der Tod zum Leben dazu gehört, ist eine Tatsache. Früher oder später wird jeder von uns mit dieser Erkenntnis konfrontiert - in welcher Form auch immer. Doch so sehr wir uns auch darüber bewußt sein mögen, dass wir uns alle irgendwann mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, so unfassbar ist es immer wieder, wenn ein Kind stirbt. Was soll man einer Mutter sagen, deren Kind kurz vor seinem 6. Geburtstag an Krebs stirbt? Tut uns leid, das gehört zum Leben dazu? Was bitte soll das für ein Leben gewesen sein, dass gerade mal fünf Jahre lang gedauert hat und zu einem nicht unwesentlichen Teil vom Kampf gegen die Krankheit bestimmt war? Was wird aus dem Leben der Eltern, die alles dafür getan haben, um ihrem Kind zu helfen und am Ende mit einem solchen Verlust dastehen? Kinder dürfen nicht vor ihren Eltern sterben!

Von Friedrich Nietzsche stammen die Worte: Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. Ich kann nur sagen, dass die Bäche wohl eher reißende Flüsse sind und es eine schlechte Zeit für Regenbögen ist.

Gestern ist der Sohn einer Mutter gestorben, die ich in der Klinik kennengelernt habe. Sie als gute Freundin zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas zuviel gesagt. Dennoch fühle ich mich ihr sehr nahe und bin unglaublich traurig und kann einfach nicht fassen, dass ihr Sohn tatsächlich tot ist - obwohl ich mich durch Lenas eigene Krebserkrankung nun seit fast anderthalb Jahren praktisch täglich mit diesem Thema auseinandersetze. Es gab anfangs so viel Hoffnung. Wie kann man es schaffen, diese Hoffnung nicht zu verlieren, wenn sie immer wieder so bitter enttäuscht wird? Der Tod von Kindern, die man selbst kennengelernt und deren Kampf man miterlebt hat, wirft einen einfach aus der Bahn. Selten fand ich den in der Überschrift erwähnten Buchtitel von John Greene so passend.

Und trotzdem muss es weitergehen. Man muss seinen Mut zusammenkratzen und die verlorene Hoffnung wieder einfangen. Niemals darf man denken, dass das eigene Kind vielleicht das nächste ist, das es trifft. Das zu schaffen, ist wirklich schwer - auch wenn sich das Außenstehende vielleicht nur schwer vorstellen mögen. Sobald die Umstände von außen betrachtet positiv sind, neigen die meisten Menschen dazu, jede Menge Optimismus zu verbreiten und sind häufig ziemlich verunsichert, wenn man als Betroffener diese Euphorie nicht so recht zu teilen vermag. Das ist keine böse Absicht, das ist kein Pessimismus, sondern das ist völlig normal. Die Momente, in denen man wirklich Zeit zum Nachdenken hat, führen automatisch dazu, dass man ZUVIEL nachdenkt. 

Ich bin mir relativ sicher, dass es nur wenige Mütter und Väter eines krebskranken Kindes gibt, die nicht in praktisch jeder freien Minute über das Worst Case Szenario nachdenken. Das ist auf Dauer unglaublich zermürbend und lässt sich nur durch Vollzeitbeschäftigung vermeiden. Dazu gehört übrigens auch die Pflege des Kindes. So absurd es klingen mag, aber solange man Tag und Nacht damit beschäftigt ist, ein totkrankes Kind durch die Torturen der Krebstherapie zu begleiten, hat man kaum Zeit dazu, ständig darüber nachzudenken, was als nächstes passieren wird. Einen solchen "Job" macht man entweder ganz oder gar nicht. Aber wehe, das Gröbste ist erst einmal vorbei. Dann lauert die Gefahr der Erkenntnis dessen, womit man es gerade zu tun hat, hinter jeder Ecke. Und deshalb muss man sich beschäftigen, womit auch immer. Ich habe mich aktuell aufs Aufräumen verlegt. Ich räume und organisiere und archiviere, bis alles total ordentlich ist. Dank dreier Kinder und einem Hund kann ich damit zum Glück jeden Tag immer wieder von vorne beginnen. Abends schwenke ich mir einen schönen Wein ein und treffe mich mit Freundinnen. Letztes Wochenende habe ich mich freiwillig in eine Art Sportbootcamp begeben. Samstags eine Stunde joggen, Sonntag und Montag 6 Kilometer stramm bergauf auf einem Mountainbike. Das waren glückliche und total romantische Momente mit meinem Mann, die mich mal für ein paar Stunden abgelenkt haben. 

Die Ablenkung ist das Wichtigste - und ich kann nur hoffen, dass Tanja, die gestern ihr Kind verloren hat, irgendwann etwas finden wird, das sie zumindest temporär von dem Schmerz ablenkt, den sie vermutlich für den Rest ihres Lebens empfinden wird. Bitte denkt an sie, an ihren Mann und ihren Sohn und schließt sie in Eure guten Gedanken ein!

Der Tod gehört zum Leben dazu -was für ein Scheiß!!!











Mittwoch, 15. Mai 2013

Inseln der Glückseligkeit

Als ich heute morgen beim Verzehr meines Detox-Saftes eigentlich endlich mal einen längeren Blick in mein kürzlich erstandenes Buch The Happiness Project werfen wollte, wurde mir klar, dass ich eigentlich ein lebender Widerspruch bin. Ich wäre so gerne happy, aber erlaube mir zum Frühstück statt eines schönen Käsebrotes nur einen Selleriesaft? Wie bescheuert ist das denn bitte? Ist ein Leben ohne Kohlenhydrate wirklich schön? Macht es einen glücklich, auf Nudeln, Reis und Pasta, auf Brot und Kuchen und lauter andere herrliche Sachen zu verzichten? Diese Frage habe ich mir schon des Öfteren gestellt und kann sie mittlerweile folgendermaßen beantworten:  Ja - aber leider nur drei Tage lang. Danach geht es bergab mit der guten Laune, die sich anfänglich noch einstellt, wenn der Hosenbund nicht mehr ganz so arg kneift.

Nachdem ich mich auf den Fotos von Lenas Konfirmation vor einer Woche ausgiebig von vorne, hinten und auch von der Seite bewundern konnte, war ich erstmal hoch motiviert, mich einem Ernährungsdiktat in Hollywood-Manier zu unterwerfen, aber wie so viele andere Dinge in meinem Leben ist auch dieses Projekt an meiner mangelnden Disziplin und Leidensfähigkeit gescheitert. Wenn ich nur an meine Yoga-Krähe denke... Autsch!!! Auch meine anfängliche Begeisterung für die Sport-App Runtastic hat stark nachgelassen. Laufen ist so anstrengend... Und wenn es danach noch nicht mal was vernünftiges zu essen gibt, macht das Ganze einfach keinen Spaß. Ich bin nämlich allem Krankheitsstress zum Trotz ein Mitglied der spaßorientierten Gesellschaft. Wenn schon so viel Trauriges und Schwieriges einen Großteil des Alltags dominiert, dann will ich mich in meiner spärlich bemessenen "Frei"-Zeit wenigstens ein bisschen amüsieren. Dazu gehören gutes Essen und guter Wein und Qualitytime mit Freunden. Hin und wieder rauche ich sogar heimlich eine Zigarette, aber da das eben total heimlich geschieht, gehört es hier eigentlich gar nicht hin...

Was einen ausfüllt und zufrieden macht, ist natürlich eine komplett subjektive Angelegenheit. Der eine ist total happy, wenn er jeden Tag zehn Kilometer joggen und danach ein Dinkelmüsli (Achtung: Kohlenhydrate!!!) essen kann, der andere erlebt nur bei Currywurst mit Doppelschaschlik die absolute Glückseligkeit. Manche Frauen lieben Handtaschen, andere Schuhe, manche - so wie ich - leider auch beides. Der eine liebt Opern, der andere das Theater, der eine liest nur Schopenhauer, der andere Krimis. Das sind alles Dinge, mit denen man sich den Alltag schöner gestalten kann. Aber wie wird man wirklich, richtig und echt glücklich? Ich stelle mir diese Frage praktisch jeden Tag. Bin ich tatsächlich glücklicher, wenn ich drei Kilo weniger wiege? Wahrscheinlich nicht. Ich fühle mich bestensfalls wohler, aber das ist es dann auch schon. Und natürlich macht es mich glücklich, wenn ich sehe, dass es Lena gut geht und ihre Blutwerte keinen Anlass zur Sorge geben. Aber das ist ein Glücklichsein, das aus der Angst geboren ist und deshalb entspricht es eigentlich eher einem Gefühl der Erleichterung.

Wirklich glücklich bin ich, wenn ich sehe, dass Lena glücklich ist, weil sie wieder ein einigermaßen normales Leben führen kann und ein paar tolle Freundinnen gefunden hat. Denn das ist so wichtig, auch für mich. Gestern Abend kam meine wunderbare Freundin Eva spontan vorbei und es war ein herrlicher Abend, der mich sehr glücklich gemacht hat. Glücklich war ich auch an den letzten beiden Wochenenden, als ich meine BFFs Daphne, Olivia, Arabella und Simone gesehen habe. Insofern kann ich eines schon mal sicher sagen: Mich machen meine Freundschaften glücklich und sie bedeuten mir so viel, dass ich dadurch Schwieriges oft viel besser aushalten kann. Also muss ich mich in Zukunft noch mehr auf die Pflege dieser Freundschaften konzentrieren, was nicht immer ganz leicht ist, wenn man nicht Tür an Tür wohnt und jeder so viele andere Dinge hat, um die er sich auch noch kümmern muss. Aber es steht ganz oben auf meiner Prioritätenliste, die ich jetzt mal anlegen werde.

Was könnte ich noch auf eine solche Liste schreiben?

1. Pflege wichtiger Freundschaften

2. Wiederbelebung und Fortführung dieses Blogs. Vielleicht wird dann eines Tages doch noch ein Buch daraus, denn das - da bin ich mir hundertprozentig sicher - würde mich wirklich glücklich machen.

Selbstverständlich macht es mich glücklich, wenn ich sehe, dass es meinen Kindern gut geht und ich sie dabei beobachten kann, wie sie jeden Tag wachsen und sich weiter entwickeln. Aber das ist irgendwie so klar, dass ich es nicht extra aufschreiben muss. Ein bisschen mehr Geduld meinerseits wäre aber sicher noch eine Verbesserung. Deshalb kommt das als dritter Punkt auf meine Liste:

3. Crashkurs in Sachen Gelassenheit - mir selbst, aber auch meinen Mitmenschen gegenüber. (Die Frage ist nur, wie und wo und ob man so etwas überhaupt lernen kann.)

4. Wichita, Kansas

Mein ganz persönliches, kleines Happiness Project... hoffentlich klappt es!



Montag, 13. Mai 2013

Bin ich nett?

Eines der Dinge, die mich in den letzten Monaten ziemlich beschäftigt und auch betrübt haben, ist meine zunehmende Unfähigkeit, mit meiner Umwelt direkt zu kommunizieren, wenn es um Lena und um mich geht. Ich komme mir vor wie ein Fisch auf dem Trockenen, winde mich, zappele rum und bin froh, wenn ich wieder untertauchen kann - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin gewissermaßen müde geworden, ständig darüber zu reden, wie es Lena geht oder wie ich mich fühle, was wir als nächstes machen oder wie toll es ist, dass wir überhaupt soweit gekommen sind. Ich ziehe mich immer häufiger zurück und bin - von einigen wenigen Ausnahmen mal abgesehen - froh, wenn ich meine Ruhe habe. Das Leben mit der permanenten Angst im Rücken ist so anstrengend, da kann ich mich nicht auch noch um tausend andere Sachen kümmern, ständig Übernachtungsgäste im Haus haben oder den ganzen Tag gute Laune versprühen. Tatsächlich habe ich überwiegend ziemlich schlechte Laune, was von meiner unmittelbaren Umgebung allerdings nur in Maßen toleriert wird und ein weiterer Grund ist, warum ich so gerne alleine bin.

Ehrlich gesagt verstehe ich auch gar nicht, warum ich dauernd gut gelaunt sein soll. Dass ich dankbar dafür bin, dass es Lena wieder besser geht, versteht sich von selbst. Aber muss ich deshalb so tun, als wäre die ganze Sache damit vom Tisch? Das ist sie nämlich nicht - und zwar noch dreieinhalb Jahre lang nicht. Ich wache nach wie vor nachts auf und kann dann vor lauter kruden Gedanken nicht mehr einschlafen. Ich mache mir immer noch bei jeder von Lenas Erkältungen in die Hosen und bin wahnsinnig in Sorge, wenn sie sich schlapp und schwindelig fühlt, wenn ihr schlecht ist oder sie Augenringe hat. So harmlos fing alles letztes Jahr an - das kann ich nicht einfach so wegwischen. Meine Laune ist ein einziger großer Riesenscheißhaufen, der zwischendurch mal ein bisschen kleiner wird und weniger stinkt, bevor er wieder beängstigend anschwillt.

Vor einigen Wochen wurde es so schlimm, dass ich einen Psychologen aufgesucht habe, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit diesem ganzen Mist nicht mehr alleine zurechtkomme. Der Mann hat mir nach einer Sitzung eine Depression diagnostiziert, aber das wusste ich ja irgendwie schon vorher. Obwohl ich dann noch dreimal da war, sind wir über diese bahnbrechende Feststellung nicht hinausgekommen. Allerdings haben wir auch nicht zueinander gepasst. Jetzt muss ich mich nach jemand anderem umschauen, wozu mir aber irgendwie der Antrieb fehlt. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich gegen eine Depression ankämpfe. Mal abgesehen davon, dass all diese Gefühle von Angst, Wut, Unsicherheit und Agression wahrscheinlich total normal sind, habe ich meinen Körper, genauer gesagt, meine Hormone mit in Verdacht. Die scheinen mittlerweile genauso von der Rolle zu sein wie ich. Ein erster zuhause durchgeführter Speicheltest (irgendwie eklig, aber trotzdem oder gerade deshalb ziemlich erhellend) hat das auf jeden Fall eindrucksvoll bestätigt. Natürlich löst das jetzt nicht meine Probleme, aber irgendwie finde ich den Gedanken schöner, dass mein Östrogen und Progesteron verrückt spielen als irgendwann als letzte Möglichkeit Antidepressiva einzuwerfen.

Stattdessen habe ich sowieso das Gefühl, dass mir der Blog doch am meisten helfen könnte. Obwohl ich es, wie oben erwähnt, überhaupt nicht mehr gut aushalten kann, über alles zu SPRECHEN, ist das SCHREIBEN relativ einfach, ja geradezu therapeutisch.
Das Schöne ist, dass ich gleichzeitig alleine und zusammen mit jemandem sein kann. Es spielt keine Rolle, wann ich in Interaktion trete, ob morgens, mittags oder abends. Manchmal schreibe ich und trinke dabei Tee, manchmal steht ein Glas Wein neben mir. Manchmal lackiere ich mir dabei die Fingernägel. Ich kann aufstehen, weggehen und irgendwann wiederkommen und weiterschreiben. Ob ich einen Jogginganzug trage, ein Abendkleid oder in der Nase bohre, spielt keine Rolle. Ich werde nicht beobachtet und muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Naja, auf fast niemanden. Natürlich würde ich hin und wieder gerne mal einen kleinen subjektiven Kommentar über den ein oder anderen meiner Mitmenschen vom Stapel lassen, aber davon muss ich um des lieben (Familien)-Friedens willen leider absehen. Egal. Das Schreiben meines Blogs bedient all die Widersprüchlichkeiten, mit denen ich derzeit zu kämpfen habe. Deshalb werde ich nun hoffentlich wieder öfter genau das tun - in der Hoffnung, damit ein paar meiner inneren Dämonen zu bezwingen und insgesamt wieder ein etwas fröhlicherer und irgendwie auch netterer Mensch zu werden. Wobei ich das letzte ganz ehrlich gar nicht so richtig meine, denn eigentlich bin ich trotz allem ein netter Mensch - es kommt nur auf die Perspektive an.

Dienstag, 7. Mai 2013

Fuck yeah... I am back!


Wenn man in seinem Blog so lange nichts geschrieben hat, fühlt sich das ein bisschen so an wie eine dieser wahnsinnig unangenehmen Situationen, in denen man vergessen hat, sich für irgendein Geschenk, Abendessen, Blumenstrauß oder etwas in der Art zu bedanken. Eine Woche Verspätung geht noch, zwei irgendwie auch. Ab drei Wochen aufwärts wird es langsam peinlich - und irgendwann meldet man sich gar nicht mehr, weil man sich so schämt. Hört sich ja auch ziemlich blöd an: "Hey, sorry, ich hab's einfach vergessen, obwohl ich mich total gefreut habe... Du weißt ja, wie das ist... Also vielen lieben Dank für das tolle Buch, das Du mir vor vier Jahren geschickt hast!" 
Aber es hilft alles nichts - wenn man jemals noch mal von dieser Person beschenkt werden möchte, kommt man um eine vernünftige und plausible Erklärung nicht herum. 

Insofern würde ich an dieser Stelle kurz entschuldigend erläutern, dass mir in den letzten Wochen und Monaten einfach nicht so nach Schreiben war. Lena geht es gut - zur Zeit besteht zum Glück kein Grund zur Sorge, was ihren aktuellen Zustand betrifft. Das ist wunderbar und hat sogar dazu geführt, dass das Kind am vergangenen Sonntag bei srahlendem Sonnenschein konfirmiert wurde. Aber die dazugehörige Mutter zeigt leichte Anzeichen einer depressiven Erschöpfung und muss sich ständig selbst in den Allerwertesten treten, um die nötigsten Dinge zu erledigen und nicht in völliger Lethargie und Pessimismus zu versinken. Alles scheinbar ganz normal, aber trotzdem doof. 

Trotzdem habe ich mir fest vorgenommmen, jetzt mal wieder öfter meine Meinung zu allem Möglichen kund zu tun und Euch an meinem und unserem "Frenzy Life" teilhaben zu lassen...





In Kürze mehr in diesem Theater - versprochen!